Zur Orientierung: Eintraege sind nach Datum von unten nach oben sortiert.

Legende
La Mina: Das Viertel in dem ich lebe und arbeite
CCG: Centro Cultural Gitano de La Mina - Kulturzentrum urspruenglich andalusischer Gitanos in La Mina
Culto: Evangelische Pentecost-Kirche mit hohem Gitanoanteil
Paco Moreno (alle Namen geändert): Praesident des CCG und Flamencopurist
Janko Moreno: Bruder von Paco, Barbesitzer, Flamenco-Fusionist
Kiko: Ein alter Gitano und wichtiger Gesprächspartner
Mateo: Gewährsmann im Culto, Mentor


payo/paya: Nicht-Gitano / Nicht-Gitana, emic-Begriff
quinquillero_a: Nomad_in, der/die wie ein Gitano lebt aber ethnisch keine_r ist, auch emic
mestizo_a: Jemand, der genetisch 50/50 Gitano/Payo ist

Mittwoch, 25. Juli 2012

Halbnackt im Feld

Ein Vorfall vor mittlerweile zwei Tagen hat mich wunderbar auf mich selbst zurückgeworfen, auf die alte Frage der Selbstperformanz im Feld, auf die Frage, wie sich gewisse psychische Bedingungen auf die "Feldforschungsleistung" auswirken.
Ich habe meine Geldtasche verloren, mit allen Karten drin usw; stand / stehe also da ohne Geld und, große Verzweiflung: ohne Möglichkeit zur Geldbeschaffung, für mindestens eine Woche. Nach dem suchend-und-weinend-in-den-Straßen-Rumrennen, Drama, Angstattacken, realisierte ich schließlich, sowohl intellektuell (bewusstes Denken) als auch "physisch" (unterbewusstes Reset und Hochfahren von Verhaltensmodi wie "Überleben" und "Flucht nach vorne" und "Alles egal"), dass ich da jetzt rausgehen und mich völlig aufmachen muss - das heißt, kein strategisches Denken, keine Schonungs- und Wohlfühlstrategien mehr, kein Herumüberlegen und Zweifeln, keine Aktionsschablonen. Diesem ganzen Kopfballast entledigt, wach, dem Feld begegnen. Eine "Hingabe an...", ein "Fließen mit...". Mein Feld ist dazu geradezu prädestiniert, weil es geographisch sehr klar definiert und sowohl architektonisch als auch kulturell (Kommunikationshabitus) sehr offen ist.
Die folgenden 3 Stunden brachten folgende Ergebnisse, in chronologischer Reihenfolge:

a) Ein besseres Verständnis der generellen Verachtung der Einwohner für die Junkies hier, eine gewisse empirische Abdeckung des untersten sozialen Segments des Viertels - soll nicht heißen dass ich jetzt auch Einer bin, aber sie wollten mich glaube ich mitreinziehen, versprachen mir, "mir zu helfen" wegen dem Geld, manipulativ mich auf immer später vertröstend (ich blieb weil ich in meiner Verzweiflung keinen Strohhalm auslassen wollte), denunzierten mich schließlich als Polizist, das reichte dann. Ich musste dann sowieso dem Sohn von Paco Moreno nachlaufen, der gerade vorbeigegangen war und mich schief angeschaut hatte,  unangenehmen Nachwirkungen dieser Episode vorbeugend: "Mir gehts grad so und so, deshalb das und das, nein ich gehör nicht dazu".
b) Ein wunderbares, sehr offenes Gespräch mit einem der trickreichsten, ausgefuchstesten Füchse des Viertels, vor dem ich bis jetzt große Scheu hatte, ein 60jähriger Gitano, Großfamilien-"Patriarco", dessen Geschichte(n) Bücher füllen könnten, es ging vor allem um Überlebensstrategien, arm und reich, ums Helfen - wir gingen dann zusammen für mich Wasser und Brot einkaufen. Er überließ mir ein paar Euro Wechselgeld, ganz natürlich und gemäß seinen Vorstellungen von gerechter Umverteilung, die halfen fürs Erste.
c) Eine hochenergetische Begegnung mit Kiko (s. Legende), da gings vor allem um Glaube, Religion, Hingabe - er und ich in einer Klarheit und Reflexion von Situation und Emotion, dass es mich wirklich "traf" und bestärkte und mich den Wert meiner Situation als "Lernsituation" klar sehen ließ.
d) Zum ersten Mal bekam ich direkte, offene Kritik am CCG zu hören, vom Neffen obigen Robin Hoods (b), ich sah einen verhärteten, vom Überlebens- und Arbeitsdruck frustrierten Menschen, seinen Neid an den Begüterten (Gitanos), die dafür auch noch Ansehen ernten - genau der Neid mit dem zB. Paco Moreno als begüterte Respektsperson zu kämpfen hat.
Ich sehe eine weitere, wichtige Bruchlinie in der so gerne von außen und innen affirmierten Einheit von  Gitanos / Roma.
Und ich sehe, wie ich selbst, durchaus erfolgreich, das CCG verteidige.

Mechanismen wie diese, die über Wahrnehmung und Aktion, schließlich über die soziale Kompetenz und die Felddynamik bestimmen, lassen mich nicht los und müssen essentielles Element meiner Feldtheorie und -praxis sein. Es geht nicht anders.

Das "Sein statt Haben" bzw. dem Feld derart ausgesetzt zu sein, soll hier aber nicht zum Gral der Feldforschung erhoben werden, und zur ausschließlichen Erfolgsbedingung, sondern lediglich als  ein Methodenelement dem ich subjektiv emotional besonders zugetan bin und das ich als essentiell ansehe. Soll heißen, ohne geht nicht.
Aber diesen Zustand wahrhaftig zu etablieren und zu institutionalisieren hieße, als Forscherversion des Bettelmönchs durch die Straßen zu ziehen - hier also neben der Bettelschale das Notizbuch und die Literaturkiste zu haben und sonst nichts....um dieses Extrem auch mal ausgelotet zu haben.
Dazu Rückendeckung von Goffman: "Das gelingt am besten, wenn man nackt bis auf die Knochen ist und wenn man auf so wenig Ressourcen wie nur möglich zurückgreift. [Jede Welt ist für ihre Bewohner sinnvoll und versorgt ihre Leute, ermöglicht ihnen ein Leben]. Und genau darum ist es Ihnen zu tun; das ist der Punkt, den Sie so schnell wie möglich erreichen müssen. Der Weg, auf dem man dazu kommt, ist, [das Feld] zu brauchen. Und der einzige Weg, es zu brauchen, ist, nichts Eigenes zu haben. [...] Die meisten Leute gehen aber nicht weit genug." (1)
Ich werde mein Wohnmobil samt Inventar jetzt aber nicht verschenken, bleibt meins.

Und solcherart wieder mal ganz weit weg von konservativer Methodentheorie, Konzept, Fragestellung, Struktur, soll gesagt sein dass ich dafür sehr bald, voraussichtlich  im nächsten Eintrag schon, eine Lanze brechen möchte.

(1) Goffman, Erving: Über Feldforschung. In: Knoblauch, Hubert (Hg.): Kommunikative Lebenswelten. Zur Ethnographie einer geschwätzigen Gesellschaft, Konstanz 1996, S. 264f.

Mittwoch, 11. Juli 2012

Damit dieser Blog nicht zu einem Art Lese-Trockenschwimmparcour wird, nun endlich mal etwas fürs Auge. Es gibt bis jetzt nicht viel Fotomaterial weil ich da bis jetzt noch zurückhaltend war - ich muss erst diverse Projektionen meinerseits bezüglich der Sicht der Leute aufs Fotografiert-werden abbauen bzw. die Grenzen austesten - bis jetzt bin ich mit der Kamera noch eher "allgemein" und auf Abstand unterwegs. Ich werde dann nach und nach mehr reinstellen.




Zuerst zu mir: Dies ist mein Haus, Auto, Leben: der Ebro F 275, Bj. 1982, in der "Calle de las Estrellas" - Sternenstrasse.
Der Ort ist dank Autobahn und Zugstrecke direkt nebenan (man hat es nicht für Wert befunden, Lärmschutzwände zu errichten) nicht der beste Schlafplatz, ist aber ein strategisch interessanter Punkt, weil hier der Bauhof / Schule / Partystall des Kulturzentrums liegt. Und der Hühnerstall dessen Hahnenschreie mich immer nostalgisch an meine Heimat zurückdenken lassen.
Aber ich bin durchaus nomadisch, bin nicht immer hier.










Das "Allgemeine" zum Viertel:





Die gewaltigen Wohnblöcke, zwei von ca. zehn, aus der Sicht des Hauptplatzes, wenig los





Architektonische Gegensätze:
La Mina - Wohnblöcke (60er Jahre) vs. das hypermoderne "Vogelnest" des "Forum"-Komplexes rechts hinten (2004).




Und dies war ein Flamenco-Abend mit der Familie Moreno. Das ging also tatsächlich so, dass ich nichtsahnend, gerade aus meiner Siesta, also aus meinem Wohnwagen kommend sah dass der Griller angeworfen wurde, hallo sagte und sie mich einluden:





Paco Moreno und Sohn




Und links: Janko Moreno mit seiner weithin bekannten horizontalen Krawatte


(Tipp: in diesem Bildtext ist ein Fehler versteckt)

Donnerstag, 28. Juni 2012

Ein fast normaler Tag aus dem Feldtagebuch

Die derzeitige Flut an Aufgaben, Informationen und Wendungen im Leben von Th_er_ese bzw. meinem Leben(-sabschnitt) hier in La Mina haben mich nun schon drei Wochen lang keinen Eintrag mehr schreiben bzw. einige Versionen verwerfen lassen. Ich glaube, die beste Form um diese Zeit anschaulich darzustellen, ist eine tagebuchartige Wiedergabe eines Tages (im Sinne einer "leichten" dichten Beschreibung, es ginge noch dichter) der viele aktuelle Facetten meines Feldaufenthalts bzw. des Felds anschneidet, es war gestern, Mittwoch der 27.6. Der Tag war sehr bewegt, ich schicke also voraus dass es auch ruhigere Tage als diesen gibt. Aber nicht viele.

9:00 Aufstehen, ich brauchte viel Schlaf.
Frühstück, Tagesplanung, Bezirksverwaltung angerufen wegen Ausnahmegenehmigung für Aufenthalt (leben) in der Straße mit dem Wohnmobil *, abgelehnt weil ungesetzlich, nehme mir vor am Montag mit dem Anwalt des CCG darüber zu sprechen

10:00 Ins CCG, mit einer Gitano-Dachorganisation die am Wochendende ein Roma-Festival in der Stadt veranstaltet („Romanistan“), ein Treffen für morgen vereinbart, bei dem es darum gehen wird, wie ich mich als freiwilliger Helfer am besten einbringen kann (und am besten zu Informationen / Eindrücken zur Frage, wie Integration über dieses Festival verhandelt und kommuniziert wird, komme).
Sara (s. Legende) fragt mich dann, ob ich „Freunde unter den Drogenabhängigen“ hätte. Irgendwer erzählt herum (sie will mir nicht sagen wer), mich mit diesen Leuten gemeinsam gesehen zu haben, was natürlich eindeutig beweist, dass auch ich bereits der „droga“ (Heroin) verfallen bin. Ich habe aber noch nie mit ihnen gesprochen, war nur einige Male an ihrem Platz um ihn mir anzuschauen bzw. in der Nähe um den Inhalt meines mobilen Klos zu entleeren. So können die banalsten Alltagsangegelegenheiten den Forschungsprozess beeinflussen, viele würden sagen „stören“, ich versuche es aber als wertvolles Datum zu verwerten, auch wenn es für mich persönlich und für meine Rolle als CCG-Mitarbeiter natürlich ein Schock ist.

Es ist bereits zwölf, also zur Bar von Janko, ich habe mit ihm vereinbart dass wir gemeinsam eine Flamencoversion von „Zum Geburtstag viel Glück“ für meine Schwester aufnehmen. Ich helfe beim Tragen von Lebensmitteleinkäufen für die Bar. Die Aufnahme kommt aus verschiedenen Gründen nicht zu stande, es läuft wieder mal alles ganz anders wie geplant. Janko meint dass ich mich vor dieser Gitano-Organisation in Acht nehmen sollte, er habe dort jahrelang gearbeitet, sie seien die „Taliban“ unter den Gitanos.
Gut, ich verabschiede mich für eine Stunde, probieren wirs später nochmal, ich gehe inzwischen zurück zum CCG, um Tagebuch zu schreiben, weil mein Kopf aufgrund aufgestauter, noch nicht niedergeschriebener Erinnerungen und Informationen immer schwerer wird, höre aber wie Sara und die Sozialarbeiterin des CCG u.a. über meine Klasse reden und bringe mich ein, es geht um einen schwierigen Schüler.

15.30: Zurück zur Bar, nur Janko und seine Frau sind da. Seine Frau fragt mich, wen aus dem Viertel ich am verrücktesten halte, ich finde keine richtige Antwort, später dann sage ich: ich selbst bin es, ja genau, ich selbst, Janko nickt zustimmend: So ist es, ich auch. Gespräch über Gitanoleben früher, ihre Eltern noch Nomaden, Leben noch schwieriger gewesen (Franquismo), Zusammenhalt, Leben heute auf andere Weise schwierig oder bedroht , durch Kaptialismus /Konsumismus, etc. Aufnahme auf Abend verschoben, wenn mehr Leute in die Bar kommen.

16.30: Fantastische und dringend nötige Gulaschsuppe mit Erdäpfel, Rindfleisch und Gemüse in Mirandas Bar. Mir wird dann aber doch kurz schlecht als auch sie mich auf die Drogengeschichte anspricht, mir beteuernd dass sie mich verteidigt hätte. Auch sie will mir den Schwarzen Peter aber nicht ausliefern. Ich sehe schon das ganze Viertel mich fallenlassen, als Unberührbaren, halte mich aber weiterhin an meinem „wertvolle Daten“ – und „Distanz zum Feld einnehmen“ – Gedanken fest.

17.30: Ich sehe Kiko (s. Legende) auf der anderen Straßenseite auf einer Bank sitzen, mit einer Gans. Er ist gerade zurück aus einer anderen Stadt, wo er sie gekauft hat um sie selbst zu schlachten. Wie mittlerweile jeden Tag setze ich mich zu ihm und wir reden, diesmal hauptsächlich über die Gans und was mit ihr passieren wird, etc. Um 19 Uhr wird er ihr an dieser selbigen Bank, im öffentlichen Raum also, die Kehle durchschneiden. Ich frage ihn ob ich das dokumentieren darf, „natürlich, bitteschön“, ich verabschiede mich für eine kleine Siesta im Bus, brauche unbedingt Ruhe um zu verarbeiten und wieder aufnahmefähig zu werden.
Es dauert dann bis 8 bis es soweit ist. Das Messer ist sehr schlecht und das Ganze deshalb noch grausamer als es sein müsste.

Ich bleibe noch eine Stunde sitzen weil ich die Gesprächssituation interessant finde, direkt nach so einer Schlachtung, die erste seit 9 Jahren für ihn. Es geht um die Kurse im CCG, seine Schwiegertöchter, seinen Lebensfrust, seine „Gitano-Psychologie“, und dann auch meine, er beweist sehr gute Menschenkenntnis, sieht in mich hinein. Er gibt mir den Rat, unnötige Infos und das Schlechte das mir widerfährt und meine Sorge um meinen Ruf zu vergessen, damit ich meinen Kopf freibekomme etc, wow, beeindruckend und wunderbar, aber gleichzeitig schreit eine innere Stimme : Heimgehn Heingehn! Ruhen! Schreiben! Verarbeiten! Aber ich ignoriere sie, mit dem Ergebnis dass ich erst jetzt ruhe und schreibe, aus meinem Rythmus, es bleibt keine Zeit mehr die vier oder fünf anderen wichtigen Konversationen der letzten zwei Tage aufzuschreiben , es bleibt keine Zeit die morgige E-Klasse vorzubereiten, es bleibt keine Zeit mir besagte Gitano-Organisation anzuschaun, usw., alles auf morgen verschieben, d.h. der Wahnsinn wird morgen unvermindert weitergehen. Samstag ist dann schon die erwähnte Veranstaltung, eine Woche darauf dann hier in La Mina das Flamencofestival des CCG, dessen wichtigste Veranstaltung des Jahres. Es ist kein Ende der Intensität der Arbeit absehbar.

Das Schlimme an der Überbelastung im Forschungsprozess ist neben den körperlichen Grenzempfindungen vor allem die Tatsache, dass ich für die Erfahrungen im Feld, v.a. die Gespräche, abstumpfe, weil ich die viele Information nicht verarbeiten und filtern kann. Es ist Zeit für Rückzug, und die einzige Sache wo ich Einsparpotential sehe ist die spontane Felderfahrung und das Mich-Einlassen auf die Alltagsgespräche in der Straße, jenes „Zusätzliche“ neben meinen unbedingten sozialen, praktischen und wissenschaftlichen Verpflichtungen, jenes Zusätzliche das gleichzeitig der Kern meiner Arbeit hier ist, muss glaube ich zwischendurch und temporär weichen.

*) Ich habe mir vor drei Wochen bereits ein Wohnmobil gekauft, um der Straße näher zu sein, flexibler zu sein, usw. – zum „Forschen aus der Straßenperspektive“ werde ich später einen Eintrag schreiben.

Dienstag, 12. Juni 2012

Identifikation und Wertung: Gegensteuern!

Letzte nacht ist mir wieder mal eine schuppe von den augen gefallen bzw. ein zacken aus der feldforscherkrone gefallen oder wie auch immer man das nennen mag: anhand eines beispiels ist mir klar geworden, ab wann oder wo der identifikationsgrad mit dem feld für die forschung schädlich zu werden beginnt.

Ich habe eines tages in einer bar Palomo kennengelernt, gitano in meinem alter, der sein zubrot u.a. damit verdient, kontakte zu „mädchen“ herzustellen, die nach einer gewissen annäherungsphase bereit sind, gegen geld gewisse von kirche und gitanokodex eingeforderte sexualitäts- und moralnormen zu verletzen. Er ist darüberhinaus ein beispiel einer der vielen personen hier, mit denen es fast nicht möglich ist, den hier sehr gängigen „marricon“-diskurs (bedeutet so etwas wie (emic:) „schwuler hund“) zu vermeiden. Vor allem wenn man wie ich zu jenen forscher_innen gehört, die da im sinne der “verbalen kumpanei“ (Lindner) gerne bereit sind , auch bei homophoben schweinereien wie diesen zumindest mitzuspielen, um eben – wieder: anerkennung zu gewinnen bzw. türen zu öffnen (keine ahnung wie ich das auflösen soll). Und zudem bedient Palomo gewissermaßen eines der beliebtesten romaklischees, jenes „dass sie nix oabeitn wulln“, um das jetzt mal im österreichischen dorfjargon auszudrücken, d.h. er improvisiert sich halt durch und vermeidet damit, vom aus dieser perspektive kapitalistisch-rassistischen hegemonialen system als vertreter der untersten sprosse der gesellschaft ausgebeutet zu werden oder als passiver sozialhilfeempfänger am existenzminimum dahinzuvegetieren:
Er serviert mir überlebensstrategien, auf dem silbertablett.

Gut, nachdem er mir auch eine wohnung angeboten hat, eine weitere vielleicht nicht ganz legale geschichte, hab ich mal Janko (s. legende) gefragt, was ich denn davon zu halten hätte. Janko scheint hier nämlich eine art definitionshoheit zu genießen, wer jetzt gut und wer schlecht ist. Wenn du mal nicht weiterweißt oder was brauchst, frag Janko, der kennt die guten leute, und wenn du dir bezüglich der integrität einer person mal nicht sicher bist, frag Janko. Gut, er hat mir vom umgang mit besagtem Palomo sowie von dessen wohnung natürlich wärmstens abgeraten. Ich habs ihm abgenommen und von da weg abstand genommen, nicht nur von der Wohnung, sondern von der person Palomo. Ich habe mich damit vollends mit dem leben hier identifiziert, in dem sinne dass ich hier nur „guten umgang“ haben möchte, „gut leben“ möchte, etc. , und hab mich in der hinsicht vom forscherauftrag verabschiedet: Es geht nicht darum, es gut zu haben, sondern seine augen offen zu halten und sich alles anzuschauen, was der forschungsfrage dient und was man persönlich ertragen kann. Es würde durchaus zu weit gehen, wenn ich „in toppitssackerln verpackt“ wieder heimkommen würde, weil ich zb „ethnographische erfahrungen als drogenkurier sammeln wollte“ , wie es mir ein kollege so erfrischend-illustrativ kommuniziert hat. Und der gute Palomo ist nach meiner eigenen einschätzung keiner, mit dem mir das passieren wird. Damit wäre die „bottom line“ auch schon erfüllt, und damit kann ich sagen: Statt ihn als person zu werten, was hier völlig im soziokulturellen bedeutungsnetz verfangene weil hier schon immer lebende personen tun, sollte ich ihn doch bitte zB als ein wunderschönes beispiel für überlebensstrategien sehen, wertfrei, und ihm zumindest „eine chance geben“, ihn zumindest nicht vermeiden.

Selbiges gilt für die strikte ablehnung seitens des moreno-clans dem „culto“ gegenüber, der hier boomenden und die gitanocommunity spaltende evangelikalen kirche, vor der ich jetzt auch schon angst bekomme bevor ich sie mir wirklich angesehen habe, und es gilt ebenso für die konfliktive haltung des moreno-clans der bürger_innenplattform von La Mina gegenüber, mit dessen präsidenten ich schon ein gutes interview geführt habe und eine gute basis hatte. Jetzt, nachdem mir moreno im vertrauen gewisse dinge über ihn erzählt hat, muss ich aber feststellen dass sich meine position, zumindest ihm gegenüber, auch verändert, ins „negative“, wertende – und vermeidende.

Kurz: Es ist klar, dass man von seinen gewährsleuten beeinflusst wird, das is ja der sinn der sache, aber bei den wertungen ist eben der strich zu ziehen und abstand zu nehmen. Der schutz und das heil meiner person kann oder darf ich nicht über wertkonservative haltungen, sondern in der eigentlichen kommunikationssituation herstellen: sehr wohl mit einem wie Palomo reden, aber dabei eine gewisse kontrolle behalten, da ist zB der „schmäh“ ein sehr schönes werkzeug, und sollte es sozusagen persönlich werden, versuchen mich zu behaupten, das gesicht nicht zu verlieren. Sollte das nicht funktionieren (sprachlicher nachteil und wenig erfahrung mit hiesiger kommunikationskultur), bleibt nur noch, dass es mir egal wird, was bei dieser begegnung rauskommt, solangs nicht physisch wird, und dass mir für den moment dieser mensch selbst egal wird und damit mein status bei ihm/ihr.
Klingt nach einer jener bösen anthropologenfeldforschungshandlungsanleitungen.

Samstag, 26. Mai 2012

Einweihung - in Sicht

Gestern gabs wieder aus dem Blauen eine kleine einweihung: Ein spontanes gespräch mit dem präsidenten des kulturzentrums, Paco Moreno, auf der straße. Besser illustriert: Sara (s. legende) und ich machten grad den laden dicht – ich bin jetzt ja jeden tag dort, zum vorbereiten der englischstunden und für die stunden selbst, aber z.Z. auch als allgemeiner freiwilliger mitarbeiter des zentrums, bissi hausmeister und sekretaer. Moreno schneit jeden tag einmal vorbei, so ca., diesmal gings u.a. um seine immatrikulierung für philologie. Das will er studieren, weil er „hat viel zu erzählen“ und will „das mit Stil machen“, sagte er. Dann kamen wir irgendwie aufs pinkeln zu sprechen und dass wir alle im grunde tiere sind (er: „ich stamme nicht nur von affen ab, ich BIN einer), um dann wieder über den unterschied zwischen anthropolgie, ethnologie und europäischer ethnologie und meine zukunftigen pläne zu sinnieren... schließlich gings mehr in die tiefe: Er meinte dass es jetzt noch viel „vergüenza“ zwischen uns beiden gibt, also scheu bis scham, und dass wir uns besser kennenlernen müssen, die „anderen personen im anderen“, v.a. indem ich jetzt bald mal die gitano-einweihung machen werde, die grosse, die, wie er sagte, „gitano-version der indianischen friedenspfeife“: sich gemeinsam einen ansaufen, ziemlich kompetitiv, glaube ich.

Die leute von außerhalb des viertels sagen mir ausnahmslos alle auf die eine oder andere art, dass „sie“ mich am ende betrügen, berauben, fallenlassen werden, weil sie mich immer als „payo“ betrachten werden, sie sagen dass „sie“ wie die tiere sind, praktisch unfähig was zu lernen, usw. Aber im viertel selbst herrscht eher ein gleichheitsdiskurs vor, die leute wollen sich, bei allem bewusstsein „ihrer“ kultur, in erster linie als menschen sehen und ethnische unterschiede nicht so sehr betonen. Das wird m.E. auch gelebt, in den bars z.b. gibt es ein freies ein-und ausgehen von gitanos/-as und pay_as (wie gender ich das?), egal ob der besitzer nun gitano/a oder payo/a ist, und eine freie interaktion zwischen ihnen.
Und dieser Moreno-clan, „seine“ organisation und dessen mitarbeiter, scheint in der hinsicht das sahnehäubchen zu sein. Es schaut immer mehr danach aus dass es zumindest hier sehr wohl möglich ist, mehr akzeptanz bis freundschaft, vertrauen und „geheimnis“ zu erreichen als es nicht nur die rassistischen äußerungen von außen, sondern auch die ethnologen, die da schon forschten, sagen.

Denn letztere, im konkreten hab ich bis jetzt zwei, tun zwar auf offener ansatz, haben aber anscheinend doch noch einen riesenhaufen falscher vorstellungen im kopf, die ihnen soviel angst machen dass es fuer sie nicht moeglich ist ganz normal im feld zu LEBEN!
Auf einen davon (namen lass ich weg) und seine „ethnographie andalusischer gitanos in la mina“ hab ich mich bis jetzt voll verlassen, und sie hat auch bestimmt ihren wert, aber laut Moreno ist schon der titel falsch, und fokus der arbeit auf "andalusisch", weil sich die gitanos andalusischer herkunft hier nicht mehr wirklich als andalusisch sehen, herrje. Der Forscher hat zwar im zentrum mitgearbeitet, hat sich durchaus „an haxn ausgrissn“, ist aber in die arbeit GEPENDELT, weil er offensichtlich nicht im viertel leben wollte, und vor allem deshalb war seine forschung laut perona „schlecht“, weil er vieles nicht verstanden hat. Moreno WILL also sogar, dass ich sie beforsche, weil es seines erachtens wenig gute forschung ueber gitanos gibt. Vorausgesetzt ich machs „gscheit“, dh dort leben, mich mit ihnen austauschen, etc.
Er hat mich also explizit gefragt, ob ich jetzt wirklich bleibe, und wie lange, und will mich glaube ich als teil des teams vom kulturzentrum behalten.
Und deshalb hätte er mich auch gerne als schüler in dem Romanes-Kurs den er interessanterweise nur für gitanos geben möchte (tja, bei einigen besonderen kulturelementen wie sprache und flamenco wird’s im sinne ethnischer trennung dann doch ernst).

Wieder einmal stellt sich mir die frage: Wo wird das nur hinfuehren?
Ich empfinde die Feldforschung gerade als sehr spannend, was sehr erfuellend ist und hoffnung macht, gerade im kontext meiner "sozialen abhaengigkeit", es macht aber auch angst, wie zb besagte einweihung, in gewisser hinsicht. Aber das ist eine geschichte fuer spaeter.

Donnerstag, 24. Mai 2012

Selbsttäuschung => Enttäuschung, Bedürfnisse => Abhängigkeit, aber zum Glück gibts ja den Englischkurs


Da geh ich also ins Feld mit meinen Bekenntnissen von wissenschaftlichem Abstand auf den Lippen, und bringe dabei alle meine sozialen Bedürfnisse mit – und da das Feld fast ausschließlich mein physischer und sozialer Ort ist, werden diese Bedürfnisse fast ausschließlich auf das Feld projiziert. Nähe, Kommunikation, verstanden werden, verstehen, Freunde, Spaß mit Freunden, Hilfe von Freunden, Reibung mit Freunden, sichfallenlassenkönnen, Liebe! ...das alles, BRAUCHE ich über kurz oder lang oder vielleicht jeden Moment. Eine soziale Abhängigkeit also, aufgrund von Menschsein und mangels realer sozialer Strukturen außerhalb des Felds.
Buddha würde sagen: „Attachment“ das Leiden verursacht. (Er schlägt da fast in eine Kerbe mit der Doktrin vom wissenschaftlichen Abstand.)

Hat er schon recht, aus den Bedürfnissen heraus baue ich mir Illusionen auf, falsche Träume sozusagen: Dass das und das so wunderbar läuft, dass ich da und da so und so sein kann, dass diese Wohnung so und so toll sein wird – Zweckoptimismus würd ich sagen, weil : ich brauchs ja. Endet aber meistens in Enttäuschung und Traurigkeit. Auch wenns eigentlich gut läuft, bin ich dann oft unzufrieden bis erschüttert.
Und ich fürchte, das gilt auch für meine persönliche Freiheits- und Authentizitätsdoktrin: Ich stelle mir das Paradies „dahinter“ vor, wenn ich dann „dort“ bin, frei und authentisch bin. Und dass es dann sowas wie die „totale Erkenntnis“ gibt, für die Th_er_ese, aber auch das hat viel von einer Wunsch-Illusion … fürchte ich.

Bezüglich sozialer Abhängigkeit lässt sich darüberhinaus vermuten, dass ich ohne das Skelett meiner Englischlehrerrolle schon längst zusammengesackt wäre, nicht wissend was tun, was reden, was zurückgeben. Praktisch gesehen hätte ich nichts zu tun! Und das würd ich nicht aushalten! …Wahrscheinlich.

Der Englischkurs
Aber zum Glück gibts diesen Englischkurs eben, den ich nun tatsächlich als Voluntär-Lehrer im Rahmen des CCG (Centro Cultural Gitano) gebe. Und er läuft zur Zeit gut – „zur Zeit“, weil die ersten zwei Stunden mangels pädadogischer Qualifikationen und Schlaf sehr schwierig bis deprimierend waren, zuwenig Autorität, zuwenig Konzept, zuviel allgemeine Verunsicherung und Befremdung. Da kommts wieder: zuwenig „Nähe“, oder vielleicht im Sinne von Turner: zuwenig „communitas“, eigentlich.
In der gestrigen (dritten) Stunde dann aber der Durchbruch, sehr animiert alle, und eine Aufmerksamkeit, Lernwilligkeit und Konzentration die ihnen diverse rassistische Meinungen von außen niemals zugestehen würden.
Für mich: fast wie ein Rausch. Türl aufgegangen. Grenze überschritten. Bedürfnis erfüllt.

Bezahlt werde ich darüberhinaus mit sozialem Kapital...mit den Beziehungen die sich zu den SchülerInnen und zum CCG aufbauen, dessen Präsident höchstselbst im Kurs sitzt und den Tausch "beforscht werden gegen Englischkurs" als sehr gut erachtet.

Und zum ersten Mal gibts eine wirkliche Identifikation mit dem Vorhaben meinerseits: bis jetzt hab ich es ja eher als ein Mittel zum Zweck behandelt, aber nun, wieder mit wahnsinnig tollen Bildern a la „der Club der verlorenen Dichter“ im Kopf: Ich will ihnen wirklich Englisch beibringen! Mit Haut und Haaren, mit allem was ich hab! Eine echte Mission!!
Besser. Auch für die Th_er_ese. Ich glaube, dass sie zum Wachsen neben Professionalität, Utilitarismus und „Abstand“ auch Leidenschaft braucht. Womit wir wieder bei den Träumen wären.

Donnerstag, 10. Mai 2012

Das Sein im Feld

Wenn ich mich im Feld frei“arbeiten“ kann, und mich nicht nur verbal, sondern auch emotional-affektiv ehrlich ausdrücken kann, weil ich ein grundsätzliches Vertrauen beiderseits er“arbeitet“ habe, dann, ja dann! Ich betrachte das als Methode, eine sehr wirksame, weil sie einfach mehr sichtbar macht als passives Observations-Verhalten. Ein starker persoenlicher Ausdruck ist wie eine klare Frage, auf die klare Antworten kommen. Es wird dann klar, „obs geht oda net“, ob ja oder nein, ob und wie ich oder dieser jeweilige Ausdruck angenommen oder zurückgewiesen wird, und fertig. Genau da kommen dann erst wertvolle Daten raus, klare Reaktionen. Aber es ist halt sehr verlockend, im Zustand der Unbestimmtheit, am österreichischen (bzw. "wissenschaftlichen") Weg zu bleiben: sich ducken, damit nix passieren kann, sich in Sicherheit wiegen. Sich nicht verwundbar zu machen, preiszugeben, keine Angriffsfläche zu bieten.
Sicher, „klare Reaktionen“ heißt auch: mehr Watschen, wahrscheinlich.

Beispiel: Ich am explorieren, in einer belebten Gitano-Bar, am Nachmittag. Es herrscht eine Stimmung zwischen Partybar und Dorfbeisl, spontan entsteht ein Tanz- und Klatschkreis, Flamenco, ich stelle mich dazu, und da fordern sie mich auf, IN den Kreis zu gehen, Tanzeinlage machen. Im Sinne eines „Action Research“ und auch im Zwang, nicht Nein sagen zu dürfen (Akzeptanz bekommen) geh ich halt rein und bin sogleich verloren, irgendwo zwischen ich selbst und Gitano sein wollen, und komme mir beim „Tanzen“ in dem rauhen Umfeld irgendwie sehr „weiblich“ vor, was mir in dem Moment in dem Umfeld sehr unangenehm ist, oder auch wie ein lächerlicher Clown, wie ein sehr eigenartiger Fremdkörper, und winde mich, komm nicht raus: peinlich und unangenehm bis masochistisch. Verhaltene Reaktionen. Hätte vielleicht doch ein bisschen warten sollen, bis ich weiß was ich will oder kann in der Situation, (erst mal) Nein sagen ist manchmal vielleicht doch gescheiter.
Oder aber: es hat einfach nicht funktioniert, weil ich mich am Ende (=im Moment) eben doch nicht getraut habe, aufzumachen, mich freizumachen von den ganzen Zwängen die ich mir da „für die Wissenschaft“ auferlege – vor allem der Zwang, einen Eingang ins Feld zu finden, sprich akzeptiert zu werden.

Daher bleibe ich dabei: Wenn man riskiert, den Mund aufzumachen, seine Meinung zu sagen, seine Identität zu leben, bekommt man die Sicherheit der Klarheit und des Wissens, wenn man nix tut und sich hinter wissenschaftlich-objektivem Abstand, Ausreden oder „ich hab Angst“ versteckt, bleibt man in der Unsicherheit der Unbestimmtheit und des Unwissens. Ein Gewitter mag zwar unangenehm sein, es mag stören, verstören, zerstören, aber danach ist die Luft klarer...ohne Gewitter bleibts schwül.

Aber klar, das ist ein Idealbild, an dem ich mich orientieren moechte, Theorie halt. Schauen wir mal, wie "ideal" ich das Gewitter finde, wenn zB. mein Englischkurs, der ja auch als eine Art Kontrastmittel gedacht ist, schiefgehen sollte. Und schauen wir mal, wieviel von dieser "self-exposure" wirklich notwendig ist - denn ich lebe bald dort, und dann wird vieles einfach auch alltaeglich sein, und nach keinen Wundern verlangen. Dann wird die Herausforderung wahrscheinlich darin liegen, eben nicht mehr soviel zu wollen, Geduld zu haben und ganz gemütlich Knochenarbeit zu leisten.