Zur Orientierung: Eintraege sind nach Datum von unten nach oben sortiert.

Legende
La Mina: Das Viertel in dem ich lebe und arbeite
CCG: Centro Cultural Gitano de La Mina - Kulturzentrum urspruenglich andalusischer Gitanos in La Mina
Culto: Evangelische Pentecost-Kirche mit hohem Gitanoanteil
Paco Moreno (alle Namen geändert): Praesident des CCG und Flamencopurist
Janko Moreno: Bruder von Paco, Barbesitzer, Flamenco-Fusionist
Kiko: Ein alter Gitano und wichtiger Gesprächspartner
Mateo: Gewährsmann im Culto, Mentor


payo/paya: Nicht-Gitano / Nicht-Gitana, emic-Begriff
quinquillero_a: Nomad_in, der/die wie ein Gitano lebt aber ethnisch keine_r ist, auch emic
mestizo_a: Jemand, der genetisch 50/50 Gitano/Payo ist

Montag, 26. November 2012

Ethik-Knoten


Er heißt J.D. (Name geändert) und wird mir schon seit zwei Wochen als Bibellehrer empfohlen, weil er der “Experte” sei, was die Bibel betrifft. Er ist um die 35, verheiratet, zwei Kinder. Bezeichnet sich selbst als glücklichsten Menschen der Welt, weil er sich tief im Glauben verankert fühlt, im Glauben an seinen Weg zu Gott hin, geleitet vom heiligen Wort, der über Zweifel  erhabenen und nicht kritisierbaren Bibel. 

Er weiss zwar dass ich (neben E-Lehrer auch) Forscher bin. Was laut cultokritischen Gitanos gefährlich im Sinne des Feldzugangs ist – aus ihrer Sicht ist es eine Sekte die kritische Geister nicht weit vorlässt.  Ich habe mich aber als Forscher positioniert, der weiß, dass er den Glauben, um ihn zu verstehen, zuerst fühlen muss, ja den Glauben annehmen muss soweit er kann.
Das Gespräch mit J.D. ist als “Bibelstunde” angesetzt, die sich aber von Anfang als persönliches Gespräch gestaltet. Für ihn ist das Treffen also ein  Gespräch, das mich zum Glauben hinführen soll, ein Dienst an Gottes Plan, und für mich ist es ein Leitfadeninterview, in dem sich narrative Elemente zu seiner Person mit informativen Elementen zu Glauben und Kirche vermischen und ein natürliches Gespräch in gegenseitiger Sympathie ergeben. Für mich bin ich
ein am Glauben interessierter Feldforscher, der aber schon weiß dass dieser Glauben für ihn persönlich nicht der Stein der Weisen ist, für ihn gibt es in mir aber noch einen fruchtbaren Boden für den Glauben, in den es sich zu investieren lohnt.
 
Eine ethisch problematische Situation des Doppelspiels also, die sich aus den Notwendigkeiten, aber wohl auch Irrtümern heraus ergibt. Um den Leuten möglichst nahe zu sein und mir Datenquellen zu erschließen, muss in meiner sozialen Rolle (Selbstperformance) auch der Glaubensaspekt dabei sein, ich als "authentischer" Kirchenbesucher, somit als tatsächlich teilnehmender Beobachter, wenn auch nicht wirklich authentisch und teilnehmend. 

Es bleibt mir nur, diese soziale Rolle halbwegs flexibel zu halten und zu schauen, wie sich die Situation weiter entwickelt. 

Sonntag, 28. Oktober 2012

Hallelujah!

Gestern abend - sehr interessant und fruchtbar, und mit einigen Implikationen die noch nicht wirklich absehbar sind.
Vorgeschichte: Ich besuche mittlerweile zwei Kirchen, die Große (s. letzter Eintrag) und eine kleine Garagenkirche in der selben Straße. Hier ein kleiner Überblick über die Verschiedenheit dieser beiden am Papier "gleichen" Kirchen, so wie es sich für mich bis jetzt darstellte:
  
Die Große Kirche - generell                          Die Kleine Kirche - generell  
Relativ hierarchisch                                                            Wenig hierarchisch
Stark institutionalisiert                                                        Wenig institutionalisiert
Höhere soziale Schichten, oder man tut so (Kleidung)     "Arbeiterkirche", Statuspräsentation unwichtig
Soziales u. ökonom. Kapital durch polit. Verbindungen     Soziales Kap. untereinander,wenig ökon. Kapital
Feld teilweise schwer zugänglich (Pastoren)                       Feld offen
Große Messe:                                                         Kleine Messe:
Heller, großer Kirchenraum: Halle                                  Dunkler, schummriger, kleiner Kirchenraum: Höhle
Durchstrukturiert, Ritual wird v. oben bestimmt                Wenig strukturiert, Ritual wird v. allen getragen
Theologischer Inhalt, Fokus auf die Predigt (45 min)        Wenig theol. Inhalt, Predigt 5-10 min
Gottesbeziehung über die Pastoren (veräußert)               Persönliche Gottesbeziehung (verinnerlicht)
Aktives Gebet: ca 10 min, nach Anweisung                    Viele die ganze Messe über, eigeninitiativ
Publikum passiv                                                                Publikum aktiv 
Trennung zwischen Pastoren und "Publikum"                 Grenzen verschwimmen, wenig Trennung
Viel Trennung unter den Messebesuchern                      Weitgehende soziale Einheit, "Familie"
Wenig Ekstase                                                                 Viel Ekstase

..............usw. 

Kurz, aus meinem bisherigen, geheimen Werten heraus: Große Kirche böse, kleine Kirche toll, große Kirche manipulativ bis diktatorisch, kleine Kirche demokratisch. Zu meiner Verteidigung soll aber gesagt sein dass ich in der Großen schon Messen erlebt habe, die mich verstört bis zerstört zurûckgelassen haben, und in einem Ekel und Zorn Religion und Kirche gegenüber. Stichwort "Manipulation" von seiten der Pastoren, und "Passivität" von seiten der Kirchengänger. Die Sicht verstärkt durch persönliche Wertungen, klar.  

Gestern kam aber alles anders. Mit der Vorahnung, dass heute abend im Culto was wichtiges passieren wird, ging ich in die kleine Kirche. Und stieß auf Unerwartetes: Sie erlaubten mir nicht, die Messe aufzunehmen, weil der Pastor nicht da war. Ich fühlte mich von einem Co-Pastor dann beobachtet, beäugt, unangenehm. Die Messe kurz und bündig, flach. Ein mir versprochenes Video nicht verfûgbar, usw. - nichts zu holen, außer die aus dem sichtbar Werden von Grenzen resultierenden Informationen.

Dann tatsächlich zufällig (planlos) bei der großen Kirche vorbei- und in die Nach-Messe-Gesellschaft vor der Kirche hineingestolpert. Und, jeglicher Absicht, "feldforschen" und Informationen generieren zu wollen, entledigt, konnten äußerst produktive Feldforschungssituationen entstehen. Oder: Meine soziale Performance (Offenheit) veranlasste einen der bis dahin so unzugänglichen Pastoren dazu, an mich heranzutreten und mal zu schauen wer denn dieser Fremdling ist, der in der Messe schon durch bloße Anwesenheit aufgefallen ist. Aus einem fast ganz ehrlichen Position beziehen heraus ("ich will auch ein Buch über Gitanos schreiben, und VIELLEICHT nehme ich auch das Glaubensthema mitrein", "ich will euren Glauben verstehen, und auch fühlen") ergab sich ein fruchtbares, dynamisches Gespräch, aus dem ich mehr Informationen und sozialintegrativen Fortschritt bezog als aus mindestens drei Messebesuchen. Er unterrichtete mich, ich interviewte ihn, ohne es zu "müssen", ja fast ohne es zu wissen. Am Ende ein Handschlag fast wie unter Kumpels. 
Die negativen Bewertungen kann ich nun wieder entschärfen (ohne obige Daten zu vergesen). Und es sieht so aus dass ich sogar als deklarierter Forscher da ein- und ausgehen kann was bisher unmöglich erschien. Denn mein "Buch" wird nun  als "gottgewollt" angesehen: als ein Art Werkzeug  Gottes, mich zu dieser Kirche bzw. zum wahren Glauben hingeführt zu haben. Hallelujah.

Samstag, 13. Oktober 2012

Zwei Leben

Schon wieder 7 Wochen vergangen seit meinem letzten konstruktiven Eintrag bzgl. der Forschung selbst - so sehr nimmt mich neben der Feldforschung immer mehr auch ein "Leben neben dem Forschen" hier ein: neue Bekanntschaften außerhalb der Stadt / des Feldes, Ausgleich, Frischluft, emotional-räumliche Befreiung, Befreiung aus erwähnten sozialen Abhängigkeiten im Feld, ein richtiges Haus bewohnen, Badewanne. Und Reflexion über mein temporär verlassenes Feld, andere Blicke von außen als die Meinigen.
Aber es gab/gibt noch viel mehr, das mich vom "Forschen" als solches abhält: Wohnmobil anmelden, Wohnmobil reparieren, Wohnmobil einrichten, gegen Wassereinbrüche im Wohnmobil ankämpfen. Haushalt machen, kochen, essen, Siesta. Krank im Bett liegen. Beim Klettern runterfallen und die rechte Hand für zwei Wochen schreibunfähig machen. Den Englischkurs halten, der bzgl. Datensammlung auch nicht mehr direkt zur Feldforschung zu zählen ist. Einfach mal was anderes lesen als Theorie-- Tagträumen! Didgeridoos basteln! Und nicht zuletzt Begegnungen im Feld bei denen ich meinen "Auftrag" mal ignoriere.


Aber die The_re_se lebt, ist nicht verhungert, ich habe mit relativ kleinem Aufwand und großer Effizienz das Ding so weit am laufen gehalten dass ich weiterhin ruhigen Gewissens am Wochenende ins Blaue fahren kann.
So wie schon vor Monaten, habe ich gleich beim Eintritt ins Feld einen vielversprechenden Mentor gefunden, ein Mann namens Mateo (Name geändert). Ich setzte mich in einer Messe des Culto (s. oben) zufällig neben ihn, er meinte dann dass es keine Zufälle gibt und lud mich am selben Abend noch zu sich nach Hause ein, zum Abendessen. Dieses Eingeladenwerden von Gitanos hatte monatelang nicht funktioniert, und nun so plötzlich! 
Er ist ein angesehener Mann, Familienpatriarch, überzeugter Gläubiger, gleichzeitig Traditionalist (starkes Spannungsfeld weil Opposition Culto-Tradition). Jaja, da kocht und serviert noch die Frau das Essen, und nur die Frau, während sie auch noch auf Enkerln und Urenkerln aufpasst (sie sind mit 62 bereits vielfache Urgroßeltern). Trotzdem ist diese Familie innerhalb der Gitanocommunity hier zum Bildungsbürgertum zu zählen...noch ein Spannungsfeld.
Das Leben ist voller Widersprüche, besonders hier, und einige davon muss ich in meiner Analyseküche zu einem  Süppchen verkochen, das zuerst mal ich selbst und dann meine KollegInnen sowie die Leute aus dem Feld für interessant-neu-rund-gesund für die Gesellschaft befinden.

Sonntag, 16. September 2012

Verborgene Netze

Nach der kleinen Katastrophe, dem "Reset" vom 8. September, wurde mir noch am gleichen Tag ein kleines Wunder zuteil, das ich mir zuerst nicht erklären, nicht fassen konnte, und das jetzt, nachdem es mir erklärt wurde, ein gewisses Geheimnis bewahrend, noch immer als ein heller und doch ferner Stern an meinem La Mina - Firmament steht:
Die Räuber, oder zumindest Bekannte von ihnen, haben mir alle Sachen die keinen ökonomischen Wert für sie hatten zurückerstattet (also alles bis auf die zwei Laptops.) Sie haben mir als ich gerade bei der Polizei war  nochmal die Beifahrerscheibe runtergedreht, sind also quasi nochmal eingebrochen um mir meinen Rucksack mit den Sachen in mein Häuschen einzuwerfen. Seinen Augen nicht trauen, ausflippen, Tränen lachen, das alles, ja, und die leise Vermutung ob der eine oder andere Gitano von La Mina  vielleicht nicht doch etwas für mich getan hat. Ich hatte Janko Moreno ja gleich nach dem Raub davon erzählt. Also zu seiner Bar, wo wie immer der nächtliche Moreno-Familienrat tagte, Janko erwartete mich schon mit einem gewissen Leuchten in den Augen, mich "ahnungslos" fragend wie es gelaufen ist. Auf meine Rück-Frage hin erklärte ER mir dann wie es gelaufen ist: Er hat "einige Freunde" von ihm mit Kontakten zur "Unterwelt" gebeten, sich umzuhören, und im Falle einer Auffindung der Täter dafür zu sorgen dass die wertlosen Gegenstände wieder zurückkommen. Was dann auch eintrat. Des weiteren hiess es, dass es 1. keine Leute von La Mina waren  und 2. auch nicht klar ist ob es Gitanos oder Payos waren. Mehr Information dazu gab es nicht - und die Art und Weise wie sich Janko z.B. darüber aufgeregt hat dass die Polizei nicht gleich Fingerabdrücke nahm (sprich er will auch dass man sie fasst) lässt mich vermuten dass die Morenos tatsächlich nicht wissen wer es war, dass sie mir diese Info nicht vorenthalten.

Sprich, Herr Moreno J. hat  über seine Beziehungen ein mächtiges Informationsnetzwerk zur Verfügung, das auch aktiv als ein Instrument verwendet werden kann und in soziale Bereiche und Untiefen hineinreicht die wohl außerhalb jeder Anthropologenreichweite stehen, zumindest außerhalb der Meinigen.  Die Zugangsbedingung für Janko ist: Diskretion, das heisst keine grossen Fragen stellen. Und sicherlich sehr bestimmtes Auftreten, Argumentieren, Fordern.

Morgen dürfte ich wieder einen Laptop haben und dann bin ich infrastrukturell wieder halbwegs geheilt, und um eine sehr profunde Felderfahrung reicher.

Samstag, 8. September 2012

Ladrones - Cabrones


Hallo liebe Leute,

ich feiere wieder einmal fröhliche Urständ´ hier - mich drehts durch die Mangel, ich sags euch, ich geniesse wieder einmal die Wonnen der Randbereiche des Ertragbaren, das gute Adrenalin und sonstige endogene Substanzen die Körper in diesen Randbereichen gnädigerweise pflegt auszuschütten, und aus dem Affekt, und auch weil ich nach diesem Tag sehr, sehr müde bin, stelle ich jetzt einfach die Beschreibung des Tathergangs in Mundart rein, so wie ich es gerade meiner Familie geschrieben habe, vielleicht auch um hier ein wenig zu demonstrieren aus welcher Ecke ich komme, ich entschuldige mich schon mal bei allen die sich damit vielleicht schwer tun, sicherlich versteht ihr die "message":

>>  Ich melde mich aus einem ganz konkreten anlass, ich wünschte er wär weniger konkret: Und i muass  mi kurz halten weil i sehr müde bin:
I hob die nacht am strand verbracht, mit dem bus, heit also direkt an den strand usw, hob mi dann zu aner theatergruppn dazuagsetzt, 200 m vom abgsperrten bus, blick vom bus weg, halbe stunde bei senen, dreh mi um und siehg dass si der bus a bissl bewegt - komisch - net rollen sondern wackeln, er wackelt irgendwie, dann sieg i dass in der fahrerkabine die schaumstoffmatratzn durch die gegend fliagt, dann sieg i dass a typ danebensteht und wache steht. I lauf los wos geht, sie hupfn ins auto, fahrn los, i stell mi ihnen entgegen, er reisst den lenker herum, hot des fenster offen, i hak ein, schrei ihnen wos rein, wü intuitiv des auto festhalten oba des geht holt leider net,  kann sie leider nur passieren lossn, dastehn und zuaschaun wie sie wegfahrn, meine sachen, da war i mir schon sicher dass vü föhlt, und es föhlt vü, sehr richtig: beide laptops, handy und verdammt nochmal der rucksack mit dem gödtaschl, alle karten wieder weg, und der reisepass. Die sonnenbrün von eich.
Es is echt hoat, i hob heit no nix gscheits gessen, mir tuat olles weh, aber im kopf bin i wenigstens kloa, sehr "aufgwocht", jetzt.
Des aanzige wos mi wirklich anzipft is dass i jetzt wieder olles organisiern muass, aber des kann i so veroarbeitn dass is als oarbeit seh - is holt jetzt mei oarbeit, hauptsächlich.
Aber wos mi wirklich anzipft is dass i si net derwischt hob, körperlich, i hätt sie gern irgendwie - dawischt. Wenigstens a gscheite watschn im vorbeifahrn für sie.
Die Theatergruppn hot sie auf video, sie ham a die nummertafel lesen können aber die typen ham zwei nummern überpickt. Die polizei kann nix für mi tuan ausser verlustanzeige, und die gitanos a net. Des video wird glaub i a nix höfn, die san über olle berge.
Und falls eich sorgen mochts dass es do zu gfährlich is und so: Des woar NET in meim viertel, ok? Es war in der nähe, am strand, und des hot mitm viertel nix zum tuan. Weils in der nähe is kann ma a davon ausgehn dass es kane leit ausm viertel woarn, die die raubern raubern woanders, logischerweis, weiter weg .
>>>

Gut, so schauts aus, mir sind praktisch alle Mittel zum Arbeiten genommen, auch das Aufnahmegerät, mein Hand-Feldtagebuch, alles.Was bleibt ist die digitale Sicherungskopie des Feldtagebuchs ( einige Tage sind verloren ) und die Literatur. Daran waren sie nicht so interessiert scheint es hahaha.
Was bleibt, ist das "Da-Sein",  der Vorfall is ja durchaus sehr klärend, hab jetzt das Gefühl, sehr "klar" auf meine Aufgabe zugehen zu können, und jetzt auch ohne Angst in die Messen gehen zu können, die ich bis jetzt zum Teil regelrecht als "schwarze Messen" erlebt habe und mir Sorge um meine psychische Gesundheit bereitet haben, aber jetzt kann mich ganz einfach nichts mehr schrecken - das Erlebnis, die Erfahrung, mich den Ungustln frontal entgegenzustellen, ganz fest, ist für mich neu und gibt mir viel Kraft. Das Kämpfen selbst ist nicht schlimm, es hat ein ungeheuer schönes Moment, vorausgesetzt man kämpft wirklich, das Schlimme ist dagegen das nichts-tun-können... und das wars am Ende, als sie wegfuhren. Das ist es, im Nachhinein gesehen, das Schlimme ist dass ich nicht 10 Sekunden früher hinkam um sie wirklich zu stellen.
Und das Schlimme ist schon auch dass ich jetzt erst mal ohne Computer dastehe, aber da werde ich mir schon was organisieren.


Gut, und morgen fahr ich in Urlaub, directamente, ein, zwei, Tage, das Konsulat und die Bank und die Behörden und wie sie alle heissen müssen warten. 

Freitag, 7. September 2012

ES GIBT JETZT EINEN GASTACCOUNT

 mir war bis jetzt nicht klar dass man ein google-Konto braucht um einen Kommentar posten zu können, ok also hier ein Gast-Konto, dh. ihr könnt auch anonym posten:

gastname: bronislawamalinowski  (ein markiger Name, gut zu merken aber achtung: gegendert!!!)
passwort: zeltimfeld

Ich mein, ihr müsst nicht, aber ich freu mich natürlich immer über Beiträge...

Dienstag, 21. August 2012

Ende der Freischwimmerzeit / der Auftrag

Die liebe kleine Therese hat inzwischen einige Transformationen durchgemacht, die man als Wachstumsschübe, aber auch als Resets sehen könnte: Sie schwamm von einer diffusen Fragestellung zur nächsten, hier nochmal in Schlagworten:
Entwicklungszusammenarbeit mit Gitanos (von La Mina) - Integration aus der Sicht der Gitanos - Überlebensstragien der Gitanos und was bedeutet das für die Integration, Fokus bildungsferne Sozialfelder.
Sprich weiter offen forschen, quasi offen Literatur lesen, wachsendes Unbehagen und Fragenbasteln. Daneben tauchen Fragen auf wie: Forsche ich überhaupt? Komme ich jemals bei einem Ausgangspunkt an?
Dann eines Abends raus, bzw. rein, ins Feld, mir nicht gewahr was das Feld mit mir vorhat - denn es zeigt sich nochmal sehr anders als sonst, es liegt etwas in der Luft, eine Energie in Form der Präsenz vieler für mich wichtiger Personen, eine Energie die alle meine Pseudo-Tageslegitimationspläne wegwischt und mich in Jankos Bar festnagelt, wo sich Vieles konzentriert, wo sich das Feld an diesem Abend um mich herum regelrecht versammelt und arrangiert, im Dialog mit meinem eigenen Input. Schön, aber wieder ohne konkrete Richtung. Nicht sehr glücklich erhebe ich mich vom Tische zum Gehen, nicht ahnend dass jetzt was “einrasten” wird: Paco Moreno fragt mich, wie es denn nun mit der "tésis" ausschaut, wir hatten schon seit fast 3 Wochen nicht mehr geredet. Ich sage, das kann ich nicht sagen weil ich keine Referenz habe. 
Er darauf: du wirst da ohne klare Fragestellung aber verrückt werden, weils zu komplex und widersprüchlich ist. Über einen isolierten Stamm im Amazonas kann man eine hübsche Ethnographie machen, aber die Gitanos in La Mina sind zu zerrissen, verschieden integriert, verschiedene Bildungsniveaus, ganz viele interne Differenzierungen und Brüche die Generalisierungen und Analyse sehr schwierig machen. „Complicado“. Er meint also ich brauche einen klaren Ausgangspunkt, von dem aus ich arbeiten, fragen, verstehen kann, auf dass daraus weitere Fragen hervorgehen mögen. Spannend, das “koloniale Setting” anthropologischer Forschung mal umgedreht zu erfahren.

Und dann servierte er mir sogar die Fragestellung, bzw. er und Janko baten mich darum, eine kritische Analyse des "Culto"zu machen, der evangelikalen religiösen Bewegung, die z.Z. in ganz Spanien v.a. unter Gitanos boomt. So auch in La Mina. Für "progressiv" orientierte, aufgeklärtere,  in der eigenen Kultur aber gut verwurzelte Gitanos wie den Moreno-Clan stellt der  Culto aber eine destruktive Sekte und das akuteste soziale Problem überhaupt dar, fast alles was die kulturelle Identität der Gitanos ausmacht, der Flamenco, kulturelle Werte, diverse Verhaltenskodizes, ist im Culto verboten – weil kulturelle Äusserungen, Moral, etc., Gott gelten müssen. Das heißt, sie vermissen eine kritische Forschung  darüber, fühlen sich alleingelassen, unverstanden, von den "antropologos" auch in dieser Hinsicht enttäuscht. Aber mir schenken sie das Vertrauen. Als ehemalige Mitglieder dieser Kirche geben sie mir auch ganz klare Hinweise, wie ich Vertrauen gewinnen und dieses neue Feld durchdringen kann: inkognito, soweit es geht going native, Schäfchen sein, jede Messe besuchen, geschniegelt sein, Bibel unterm Arm, usw. Klare Anweisung, nie mit ihnen zu diskutieren, nie offen kritisch zu sein, erst wenn ich das schaffe würden sie (die Pastoren) mir  "alles zeigen". Es ist fast wie ein Spionage-Briefing. Ein paar Tage später gab ich die Zusage: Wenn mir das Feld so klar zeigt und kommuniziert, wo es brennt, liegt es nahe, dem zu folgen, v.a. aus dem Gedanken einer “sozialpolitisch engangierten Wissenschaft” ( Fielhauer zb) heraus. Nein, Geld boten sie mir keines an, sie bezahlen mit der Bereitschaft, mir zur Verfügung zu stehen, als Informanten, Helfer, Reflexions-Partner, in der Hinsicht auch einer Art psychologischen Begleitung vielleicht?

Es ist nun vorbei mit der Freischwimmer-Zeit, jetzt heisst es Verantwortung für konkrete Forschung übernehmen, sich dem Risiko von Sackgassen und Scheitern aussetzen, mehr Tagesstruktur, konsequentes Lesen von jetzt klar fokussierter Literatur, konsequentes Reflektieren der Problematik der potentiellen “Parteinahme” für meine Auftraggeber. Und fragen: Wie verlaufen die kulturellen Bruchlinien und Risse zwischen der Culto-Bewegung, Gitano-Kultur und aufgeklärten Betroffenen? Welche sozialen Konflikte, aber auch persönliche, interne Konflikte macht der Culto auf? Wie funktioniert der Culto als Träger und Quelle neuer Identitäten und wie werden diese den vorhandenen Identitäten übergestülpt?
...Änderungen in den Fragestellungen vorbehalten, ich stehe noch am Anfang dieses neuen “Felds im Feld” und habe noch nicht das Gefühl, mit meinen Fragen wirklich “am Punkt” zu sein.